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← Magazin 29. Mai 2026
Praxis · 12 min

BER-Lessons-Learned in 2026 — was fünf Jahre nach Eröffnung in PM-Curricula verankert ist

Der Flughafen Berlin Brandenburg ist seit Oktober 2020 in Betrieb. Was die Großprojekt-Forschung aus dem BER-Versagen extrahiert hat — Single-Critical-Path-Risiko, Stakeholder-Komplexität, Governance-Versagen — und wie diese Lessons in IPMA- und PMI-Curricula 2026 verankert sind. Vergleich mit Tesla-Berlin, Northvolt und Stuttgart 21.

Am 31. Oktober 2020, mit neun Jahren Verspätung gegenüber dem ursprünglichen Eröffnungstermin im Juni 2012 und mit Gesamtkosten von etwa 7 Milliarden Euro statt der ursprünglich geplanten 2 Milliarden, ist der Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt” (BER) in Betrieb gegangen. Fünfeinhalb Jahre später, im Mai 2026, ist der Flughafen Teil des Berliner Alltags — und das BER-Projekt ein Teil des PM-Curriculums. In nahezu jeder methodischen Ausbildung im DACH-Raum — IPMA Level D, C, B; PMP-Vorbereitungskurse; Master-Studiengänge im Wirtschaftsingenieurwesen; PRINCE2-Praktiker-Workshops — gibt es einen BER-Block.

Was die Curricula aus dem Fall extrahiert haben, ist in den vergangenen Jahren präzisiert worden. Die Reflexe der frühen 2010er Jahre — „die Politik war schuld”, „der Generalplaner war überfordert”, „die Brandschutzanlage war zu komplex” — sind durch eine differenziertere Analyse abgelöst worden, die mehrere methodische Ebenen unterscheidet. Diese Analyse ist 2026 weniger journalistisch und mehr methodisch; sie behandelt den BER als das, was er aus PM-Sicht war: ein Fall systematischen Versagens im Risk-Management, in der Stakeholder-Komplexitäts-Bewältigung und in der Governance-Strukturierung.

Single-Critical-Path-Risiko als methodische Lehre

Die häufigste methodische Diagnose des BER-Versagens ist das Single-Critical-Path-Risiko. Im Original-Bauplan war die Brandschutzanlage — konkret: die Entrauchungsanlage mit ihren mehr als 200 Brandschutzklappen, der Druckluft-Steuerung und der Schnittstelle zur Gebäudeleittechnik — der einzige kritische Pfad zwischen Bau-Fortschritt und Eröffnungsfähigkeit. Wenn die Brandschutzanlage nicht funktionierte, konnte der Flughafen nicht eröffnet werden. Wenn sie funktionierte, konnte er es. Eine Alternative gab es nicht.

Diese Konstruktion ist aus risikomanagement-theoretischer Sicht ein klassischer Fehler. Wer einen kritischen Pfad ohne Workaround-Plan definiert, hat keinen Plan, sondern eine Wette. In der PRINCE2-Logik wäre die Lehre: Identifiziere Threats, definiere Response-Strategies (Avoid, Reduce, Transfer, Accept), und reserviere Management Reserves. In der PMBOK-7-Logik wäre die Lehre: Embrace adaptability and resiliency (Prinzip 11), Optimize risk responses (Prinzip 10), und Navigate complexity (Prinzip 9).

Die methodische Antwort, die in 2026er Curricula verankert ist, lautet: Dependency-Diversifikation. Kritische Pfade müssen redundant gestaltet werden, soweit das technisch möglich ist. Wo Redundanz technisch ausgeschlossen ist (eine einzige Brandschutzanlage in einem Gebäude lässt sich nicht parallelisieren), muss die Reife der Komponente vor dem Gesamtprojekt-Lauf gesichert werden. Die Brandschutzanlage hätte als Standalone-Modul in einem Test-Bauwerk vorab in Betrieb genommen werden müssen, mit allen Schnittstellen, allen Klappen, aller Steuerungs-Logik.

Diese Lehre ist 2026 in das IPMA-ICB4-Kompetenzelement 3.5 (Organisation und Information) ausdrücklich aufgenommen worden — die aktualisierte Curriculum-Beschreibung der GPM nennt das BER-Projekt namentlich als Negativ-Beispiel. Das PMI hat im Practice Guide „Managing Megaprojects” (2024) die Single-Critical-Path-Problematik unter dem Stichwort „dependency cascading” prominent platziert.

Stakeholder-Komplexität als unterschätzter Faktor

Die zweite curriculare Lehre des BER-Projekts ist die Stakeholder-Komplexität. Das Projekt hatte drei Eigentümer (Bund, Land Berlin, Land Brandenburg), eine Flughafengesellschaft als Bauherrin, eine zwischenzeitlich gekündigte Generalplaner-Gemeinschaft, mehr als 300 Subunternehmer, drei Aufsichtsbehörden (BMVBS, Senatsverwaltung Berlin, Ministerium Brandenburg), die örtlichen Genehmigungsbehörden, die EASA als europäische Luftfahrtaufsicht, die Eurocontrol als Flugsicherungs-Koordination und mindestens fünfzehn weitere relevante Stakeholder-Gruppen.

In der klassischen Stakeholder-Analyse — wie sie in PMBOK 6 unter der Knowledge Area Stakeholder Management dokumentiert war — würden die drei Eigentümer als „high power / high interest” qualifiziert. Die Praxis hat aber gezeigt, dass eine Stakeholder-Analyse mit nur einer Power/Interest-Matrix dem BER nicht gerecht wird. Was fehlte, war eine Stakeholder-Konflikt-Matrix: Welche Stakeholder haben gegenläufige Interessen, welche Verteilungs-Konflikte verzögern Entscheidungen, welche Veto-Strukturen blockieren das Projekt?

Das BER-Projekt litt an mehreren strukturellen Stakeholder-Konflikten. Erstens: Der Bund als Eigentümer wollte eine Eröffnung vor der Bundestagswahl, das Land Brandenburg wollte regional getriebene Subunternehmer-Auswahl, das Land Berlin wollte einen bestimmten Flughafen-Manager, der nicht von allen Seiten unterstützt wurde. Zweitens: Die Flughafengesellschaft selbst war zwischen Bau-Verantwortung und späterer Betriebsverantwortung gespalten — die Bau-Linie wollte schnellen Fortschritt, die Betriebs-Linie wollte Funktionalität. Drittens: Die Aufsichtsbehörden hatten überlappende Zuständigkeiten ohne klare Eskalationspfade.

Die methodische Lehre 2026 lautet: Stakeholder-Analyse als kontinuierliche Praktik, nicht als einmaliges Projekt-Setup-Artefakt. Die GPM hat in ihrem Praxis-Standard 2024 ein erweitertes Stakeholder-Modell vorgestellt, das fünf Dimensionen unterscheidet: Power, Interest, Position (pro/contra), Legitimität, Dringlichkeit. Das Modell — angelehnt an Mitchell/Agle/Wood (1997), aber operativ zugespitzt — ist in den IPMA-Level-B-Prüfungen seit 2025 prüfungsrelevant.

In den PMI-Curricula ist die Stakeholder-Engagement-Performance-Domain seit PMBOK 7 prominent verankert — wer 2026 die PMP-Prüfung schreibt, beantwortet typischerweise 20 bis 25 Prozent der Fragen zu Stakeholder-Themen. Die People-Domain (42 Prozent der Prüfung) umfasst neben Team-Steuerung auch die Stakeholder-Komponente.

Governance-Versagen als Strukturfrage

Die dritte curriculare Lehre betrifft die Governance-Struktur. Das BER-Projekt hatte über die gesamte Bauzeit hinweg keine konstante, klar definierte Governance. Die Aufsichtsräte der Flughafengesellschaft wechselten, die Projekt-Leitungs-Personen wurden mehrfach ausgetauscht, die Aufsichtsbehörden wechselten ihre Schwerpunkte, die politischen Verantwortlichkeiten im Bund und in den Ländern wechselten mit den Legislaturperioden.

Aus PRINCE2-Sicht ist das ein klassisches Versagen im Thema „Organisation”. PRINCE2 verlangt eine eindeutige Project Board-Struktur mit Executive, Senior User und Senior Supplier. Das BER-Projekt hatte de facto mehrere parallele Project Boards, die sich gegenseitig blockierten. Das in PRINCE2 definierte Thema „Manage by Exception” — die klare Eskalations-Logik mit Toleranzen und Exception Plans — fehlte vollständig. Statt klarer Eskalation gab es politische Krisensitzungen ohne strukturelle Konsequenz.

Die curriculare Lehre 2026 lautet: Governance-Stabilität als kritischer Erfolgsfaktor. Bei Megaprojekten ist die personelle und strukturelle Kontinuität der Governance wichtiger als die Brillanz der einzelnen Akteure. Wer alle achtzehn Monate die Projektleitung wechselt, verliert mehr Wissen, als jede Neueinstellung aufbaut.

Das PMI hat im „Managing Megaprojects” Practice Guide (2024) eine Governance Stability Index-Methode vorgeschlagen, die die Wechsel-Häufigkeit in Schlüsselrollen pro Megaprojekt-Lebenszyklus messbar macht. Die Methode ist in der praktischen Anwendung 2026 noch jung, aber sie ist als Diagnose-Werkzeug in mehreren Großprojekt-Reviews verwendet worden.

Vergleich mit Tesla-Berlin: das Gegenmodell

Der prägnanteste Kontrast zum BER ist das Tesla-Werk Berlin-Brandenburg in Grünheide. Tesla hat 2019 mit der Standort-Suche begonnen, im Mai 2020 die Genehmigung für den vorzeitigen Baubeginn erhalten, und am 22. März 2022 die offizielle Eröffnung mit Elon Musk gefeiert. Bauzeit: rund 22 Monate. Investition: etwa 5 Milliarden Euro.

Aus PM-Sicht ist das Tesla-Tempo eine eigene Schule. Was Tesla anders gemacht hat, lässt sich auf drei Punkte verdichten.

Erstens: Ein einziger Entscheider. Tesla hat keine Eigentümer-Konflikte; das Unternehmen entscheidet, und Elon Musk entscheidet im Zweifel persönlich. Die deutsche Behörden-Genehmigung blieb komplex (Wasserentnahme, Naturschutz, Anwohnerschutz), aber sie hatte einen klaren Gegenspieler. Die Stakeholder-Komplexität war auf der Eigentümer-Seite nicht existent.

Zweitens: Parallel-Genehmigung statt sequenzielle Genehmigung. Tesla hat mit vorläufigen Genehmigungen gebaut, mit dem Risiko des Rückbaus im Fall einer Versagung. Die deutsche Behörden-Tradition kennt das Instrument der vorläufigen Genehmigung — Tesla hat es systematisch ausgereizt. Das BER-Projekt hatte diese Option strukturell nicht, weil die staatlich-staatliche Eigentümerschaft das Risiko der staatlichen Kontrolle nicht eingehen konnte.

Drittens: Tempo als strategischer Wert. Tesla hat Tempo über Perfektion gestellt. Das hat in der Anlaufphase 2022 zu Qualitätsproblemen geführt, die Tesla in den folgenden 18 Monaten korrigiert hat. Das BER-Projekt hat Perfektion über Tempo gestellt — und am Ende beides verloren.

Die curriculare Lehre aus dem Vergleich ist nicht „mach es wie Tesla”. Die Eigentümer-Strukturen sind nicht übertragbar, die politischen Kontexte sind unterschiedlich, die Branchen sind unvergleichbar. Die Lehre ist: Die Risk-Appetite-Diskussion ist Teil der Projekt-Governance. Wer ein Megaprojekt aufsetzt, muss in der Initiierung klären, wie das Spannungsverhältnis zwischen Risk-Avoidance und Time-to-Market organisiert wird. Beim BER wurde diese Diskussion nicht geführt — das Projekt sollte schnell und perfekt sein, gleichzeitig.

Vergleich mit Northvolt: das Insolvenz-Modell

Im November 2024 hat die schwedische Northvolt AB Insolvenz angemeldet — der prominente europäische Batteriezellen-Hersteller, der Volkswagen, BMW und Volvo beliefern sollte. Die deutsche Tochtergesellschaft Northvolt Drei in Heide (Schleswig-Holstein), für die rund 5 Milliarden Euro Investition geplant waren, geriet in den Strudel und ist 2026 in Sanierungsverhandlungen.

Aus PM-Sicht ist Northvolt ein Fall für die Programm-Manager-Curricula. Die Lehre ist nicht ein einzelnes Versagen, sondern eine systematische Überschätzung der Ramp-Up-Komplexität bei chemischen Produktionsanlagen. Northvolt hat die Skalierung von Pilot-Produktion zu industrieller Produktion in der Modellierung deutlich unterschätzt — eine klassische Lessons-Learned-Fehlerart, die in der Energie-Speicher-Industrie aus älteren Projekten (Sonnenbatterie, Tesla Gigafactory Nevada in der Anlaufphase) bekannt war.

Die Programm-Manager-Lehre 2026 lautet: Reference-Class-Forecasting als Pflicht-Methode bei Skalierungs-Projekten. Die Methode — entwickelt von Bent Flyvbjerg in Oxford, prominent dokumentiert im Buch „How Big Things Get Done” (2023) — vergleicht das aktuelle Projekt mit einer Klasse strukturell ähnlicher historischer Projekte und nimmt deren Durchschnitts-Performance als Baseline. Das BER-Projekt hätte mit Reference-Class-Forecasting eine deutlich realistischere Kosten- und Zeitschätzung gehabt; Northvolt hätte die Ramp-Up-Komplexität nüchterner eingeschätzt.

Das PMI hat Reference-Class-Forecasting 2025 in den Practice Guide „Estimation” aufgenommen. Die IPMA hat in der ICB4-Erweiterung 2024 die Methode unter dem Kompetenzelement 3.7 (Geld) als prüfungsrelevant aufgewertet.

Stuttgart 21 Stand 2026: das Lehrbuch-Beispiel

Stuttgart 21 ist 2026 weiterhin nicht abgeschlossen. Der ursprüngliche Eröffnungstermin 2019 ist um sechs Jahre verschoben, die aktuelle Planung sieht eine Inbetriebnahme der ersten Stufe 2026 vor — was nach jüngsten Berichten der DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH (Stand Q1 2026) realistisch eingeschätzt wird. Die Gesamtkosten haben sich von ursprünglich geplanten 2,5 Milliarden Euro auf über 11 Milliarden Euro verfünffacht.

Aus curricularer Sicht ist Stuttgart 21 die methodische Kombination der BER-Lehren: Single-Critical-Path-Risiken (Tunnelbau in geologisch anspruchsvollem Anhydrit-Gebiet ohne ausreichende Alternativ-Planung), Stakeholder-Komplexität (Bund, Land Baden-Württemberg, Stadt Stuttgart, DB AG, Anwohner-Bewegungen), Governance-Wechsel über mehr als 20 Jahre Planungs- und Baugeschichte.

Die Lehre, die Stuttgart 21 zusätzlich zum BER bringt, ist die Bürger-Beteiligungs-Dimension. Die Schlichtung 2010 unter Heiner Geißler hat in der DACH-Großprojekt-Geschichte einen Präzedenzfall geschaffen, der seither die Bürger-Beteiligung in vergleichbaren Vorhaben (Wasserstoff-Pipelines, Stromtrassen, Bahnstrecken-Ausbauten) deutlich strukturiert hat. Die curriculare Lehre ist: Bürger-Stakeholder sind keine Randgröße. Sie haben politische Macht, organisations-fähige Strukturen und mediale Reichweite. Ihre Integration in die Stakeholder-Map ist 2026 Pflicht-Bestandteil jedes Infrastruktur-Großprojekts.

Curriculum-Verankerung in IPMA-, PMI- und PRINCE2-Ausbildungen

Wer 2026 eine IPMA-Level-D-Ausbildung durchläuft, begegnet dem BER typischerweise im Modul „Risiken und Chancen” — als Standard-Fallstudie für Risk-Identifikation und Risk-Response. Die GPM-Curriculum-Beschreibung 2024 nennt den BER als prüfungsrelevantes Beispiel; die Prüfungs-Aufgaben verlangen typischerweise die Anwendung von Risk-Management-Methodik auf vergleichbare Strukturen.

In der IPMA-Level-B-Prüfung — die für Senior-Projektmanager und Programm-Manager — ist der BER nicht mehr Hauptfall, sondern Hintergrund-Wissen, das in der mündlichen Prüfung erwartet wird. Die schriftlichen Aufgaben fokussieren auf eigene Projekt-Erfahrungen der Kandidaten, der BER dient als Vergleichs-Referenz.

In den PMI-PMP-Prüfungen ist der BER nicht namentlich Bestandteil, da das PMI international ausgerichtet ist. Die methodischen Lehren — Single-Critical-Path-Risiko, Stakeholder-Komplexität, Governance-Stabilität — sind aber in den drei Domains People, Process und Business Environment integriert. Die Prüfungs-Vorbereitung mit deutschsprachigen Anbietern verwendet den BER regelmäßig als Anschauungsmaterial.

In den PRINCE2-Practitioner-Kursen ist der BER ein klassisches Negativ-Beispiel für die Themen Risk, Organisation und Plans. Die PeopleCert-Curriculum-Vorgaben nennen seit 2023 die Anwendung der PRINCE2-Methodik auf historische Großprojekte als prüfungsrelevant.

Die deutsche PM-Diskussion 2026

Die deutsche PM-Community hat in den vergangenen fünf Jahren eine Megaprojekt-Forschung etabliert, die internationale Anschlussfähigkeit hat. An der TU Berlin, der RWTH Aachen und der Universität Stuttgart arbeiten Forschungsgruppen an der quantitativen Auswertung von Großprojekt-Daten. Die Berliner Forschungsstelle „Large Infrastructure Projects” hat 2024 eine Datenbank mit 1.200 europäischen Großprojekten der Jahre 1990–2024 publiziert, die als Vergleichs-Basis für Reference-Class-Forecasting verwendet wird.

Die Forschung hat 2026 mehrere strukturelle Beobachtungen verfestigt. Erstens: Europäische Großprojekte überschreiten ihre Budgets im Durchschnitt um 60 bis 80 Prozent, ihre Zeit-Pläne um 30 bis 50 Prozent. Die Verteilung ist rechtsschief — wenige Großprojekte explodieren auf das Drei- bis Fünffache der Planung, die meisten überschreiten moderat. Zweitens: Die Größe des Projekts ist der stärkste Prediktor für Überschreitungs-Risiko. Projekte über 1 Milliarde Euro haben strukturell andere Risiko-Profile als Projekte unter 100 Millionen Euro. Drittens: Die Eigentümer-Komplexität (Anzahl der Eigentümer, politische Konflikte zwischen Eigentümern) ist nach Größe der zweitstärkste Prediktor.

Praktische Folgerungen für Programm-Manager 2026

Wer 2026 ein Großprojekt verantwortet — Infrastruktur, Bau, IT-Transformation, regulatorische Pflicht-Programme — hat fünf BER-Lehren operativ umzusetzen.

Erstens: Single-Critical-Path-Audit zum Projekt-Setup. Welche Komponenten sind alleinige Entry-Tickets zum Projekt-Erfolg? Wenn die Antwort eine Komponente ohne Workaround-Plan ist, ist die Risk-Response unzureichend.

Zweitens: Stakeholder-Konflikt-Matrix zusätzlich zur Power/Interest-Matrix. Welche Stakeholder haben gegenläufige Interessen? Welche Veto-Strukturen blockieren Entscheidungen? Die Antworten gehören in den Stakeholder-Engagement-Plan, nicht in die Improvisations-Schublade.

Drittens: Governance-Stabilität als Steering-Board-Thema. Die Wechsel-Häufigkeit in Schlüsselrollen ist ein KPI, der quartalsweise im Project Board berichtet werden sollte. Wechsel sind manchmal nötig — aber sie sind dann teure Entscheidungen, nicht Routine.

Viertens: Reference-Class-Forecasting als Estimation-Standard. Wer ein Programm-Budget aufsetzt, sollte mindestens fünf strukturell vergleichbare historische Projekte in der Datenbank haben und deren Überschreitungs-Quote als Sicherheits-Aufschlag berechnen. Die Differenz zwischen Bottom-Up-Schätzung und Reference-Class-Schätzung ist die Management-Reserve.

Fünftens: Bürger-Stakeholder in die Stakeholder-Map. Bei Infrastruktur-Projekten, Industrie-Ansiedlungen und öffentlichkeitswirksamen Bauprojekten ist die organisierte Bürgerschaft eine Stakeholder-Gruppe mit Macht. Ihre Behandlung gehört in den frühen Projekt-Setup, nicht in die nachgelagerte Krisen-Kommunikation.

Bilanz

Der BER ist 2026 das, was Lessons Learned in der idealen Form sein sollten: ein Fall, der die Methodik verändert hat, der in Curricula integriert ist und der in der professionellen Praxis der DACH-Programm-Manager als Referenz funktioniert. Die methodischen Lehren sind nicht trivial — sie verlangen Risk-Audit-Disziplin, Stakeholder-Analyse-Tiefe, Governance-Stabilität, Estimation-Methodik und Bürger-Integration. Wer eine dieser fünf Säulen vernachlässigt, kann das nächste BER produzieren. Wer alle fünf strukturell integriert, hat eine deutlich bessere Chance, das nicht zu tun.

Die Großprojekt-Landschaft 2026 wird die Lehren weiter testen. Die deutsche Energie-Infrastruktur — Wasserstoff-Pipelines, Stromtrassen Süd-Link und Suedost-Link, LNG-Terminals — ist im Bau. Die Verkehrs-Infrastruktur — Bahnstrecken-Ausbauten, Brücken-Sanierungen, Bundesfernstraßen — ist in massiver Erneuerung. Die IT-Transformation der öffentlichen Verwaltung — Online-Zugangsgesetz, Registermodernisierung, EfA-Architektur — ist programmatisch in der Umsetzung. Jedes dieser Programme hat das Potenzial für ein nächstes BER. Die Frage ist, ob die Lehren in der operativen Praxis ankommen — oder ob sie in den Curricula stehen bleiben.

Die Antwort wird sich in den kommenden fünf Jahren zeigen. Was schon jetzt klar ist: Die Methodik ist 2026 besser ausgestattet, die Werkzeuge sind verfügbar, die professionelle Community ist sensibilisiert. Wer trotzdem das nächste BER produziert, hat dafür keine methodischen Ausreden mehr. Das ist vielleicht die wichtigste Lehre, die fünf Jahre nach der Eröffnung in den Curricula angekommen ist: Methodisches Versagen ist 2026 begründungspflichtig — nicht mehr selbstverständlich.


Ressort: Praxis